Ein nicht allzu ernst zu nehmender Bericht

...oder doch?

 

 

Ich fahre nun schon einige Zeit auf Bischkeks Straßen und im Gegensatz zu vielen Autofahrern hier habe ich eine Fahrerlaubnis gemacht und nicht nur „erworben“. Man darf sich also nicht auf die Regeln verlassen, sondern muss konzentriert alles was sich bewegt im Auge behalten. Erschwerend kommt hinzu, dass man auch die Fahrbahn nicht aus den Augen verlieren darf, denn ein Geradeausfahren ist in Bischkek nicht möglich. Wer in Bischkek geradeaus fährt, ist betrunken! Die meisten Straßen sind in einem katastrophalen Zustand. Dazu kommt, dass sich täglich ein neues Loch auftut, weil ständig Gullydeckel geklaut werden. Seit China Schrott aus aller Welt aufkauft, wird auch hier in Kirgisistan alles Verwertbare gesammelt.

Die wenigsten Straßen in Bischkek haben eine Fahrbahnmarkierung. Sind auf einer Fahrbahn Fahrspuren markiert, werden sie von den meisten Autofahrern ignoriert. Was sollen auch 3 Fahrspuren, wenn doch 4 oder sogar 5 Autos nebeneinander Platz haben. Hier setzt die Logik ein, die die Kirgisen eigentlich nicht besitzen. Dafür haben kirgisische Autofahrer aber einen siebten Sinn. Jeder weiß, wann die Ampel grün wird und das schon lange vorher! Da aber das andere Extrem, noch bei der relativ kurzen Gelbphase zu fahren, auch nicht selten ist, kommt es häufig mitten auf einer Kreuzung zu einem Crash. Interessant ist dann, wie sich der Verkehr um den Unfall herumdrängelt, während sich in der Mitte die beiden Verunfallten prügeln.

Marschrutki mit deutschen Werbeaufschriften Jeder fährt hin und her, um die nächst beste Lücke zu erhaschen. Ein Blinker kommt dabei selten zum Einsatz. Beim Fahren muss man vor allem die Marschrutkas im Auge behalten. Das sind Kleintransporter, zugelassen für 10 bis 15 Personen, beladen mit so vielen Leuten, wie eben reinpassen. Sie sind hier die üblichen Sammeltaxis und halten an jeder Stelle, um Leute abzusetzen oder aufzunehmen. Deshalb halten sie immer spontan an und fahren genauso spontan weiter. Marschrutkas tragen übrigens häufig noch Werbeaufschriften deutscher Firmen, denen sie ehemals gehörten.

Das wichtigste Instrument am Auto ist die Hupe, die die Kirgisen recht häufig benutzen. Zuhause in Deutschland habe ich ca.60 mal gehupt, immer dann, wenn ein voller Tausender oder eine Schnapszahl auf dem Tacho war. Hier habe ich bestimmt schon häufiger gehupt, was bedeutet, dass ich mich sehr gut anpassen kann! Dennoch halte ich an, wenn Fußgänger die Straße überqueren, auch wenn dann hinter mir ein Hupkonzert ist! Komischerweise hupt Keiner, wenn an einer 3-spurigen Kreuzung 4 Autos bei Rot warten, ein Fünfter links vorbeifährt und sich schräg davor die beste Ausgangsposition sichert. Das ist normal!

Sollte einem man mal ein Auto mit Lichthupe entgegenkommen, ist äußerste Vorsicht geboten. Das ist hier kein Zeichen von Höflichkeit – das heißt: „ICH bremse NICHT!!!“ Das war der schwierigste Umdenkprozess für mich überhaupt. Ich bin heute manches Mal noch in Versuchung mit der Lichthupe Jemanden zu zeigen, dass ich ihm die Vorfahrt lasse.

Wer in Kirgisistan etwas auf sich hält, fährt einen Mercedes oder BMW. Diese sind nicht selten schon 20 Jahre alt und würden als Spritfresser in Deutschland längst nicht mehr gefahren. Hier kostet der Liter Diesel zur Zeit 42 Cent und eine Autosteuer gibt es nicht! Die Hauptsache ist, dass ein Hochzeitskutsche Auto fahren kann und das möglicht schnell! Müssten die Autos zum TÜV (nach europäischen Maßstäben) wären die Straßen leer.

Hier in Kirgisistan ist es Brauch, zur Hochzeit den ganzen Tag mit bunten Bändern am Auto hupend durch die Stadt zu fahren. Die ganze Hochzeitsgesellschaft in Kolonne - ein Riesenspektakel! Wenn man das nötige Kleingeld hat oder sich mit der Hochzeit sowieso völlig verschuldet, mietet man sich dazu eine Strechlimosine! Ich habe noch nie so viele von diesen edlen Fahrzeugen gesehen, wie in Bischkek vor dem Hochzeitspalast.

Regelrechten Horror habe ich, durch einen Kreisverkehr zu fahren. Hier sind die Regeln vollkommen außer Kraft gesetzt! Fast jeder Autofahrer hier weiß, dass es eine „rechts-vor-links-Regel“ gibt und diese gilt hier natürlich auch im Kreisverkehr! Das stimmt aber nicht ganz, denn meistens gibt es ja auch eine Hauptstraße (ja eine Hauptstraße im Kreisverkehr – dass muss man sich auf der Zunge zergehen lassen). Da muss man erst mal dahinter kommen! Der Kreisverkehr staut sich natürlich, vor allem auf der Nebenstraße. Also bei einem Kreisverkehr in Bischkek heißt es dann Augen zu und durch! Aber nur, wenn man auf der Hauptstraße ist!

Ein gutes Thema ist auch der Sicherheitsgurt. Die meisten Autos hier sind so alt, dass sie noch gar nicht damit ausgerüstet sind. Unsere Freundin Ute hatte in ihrem neuen Niva sogar an der Rückbank Gurte, was eine Seltenheit ist. Sie hat das Auto zur Werkstatt gebracht, weil sie ein ständiges Klappern störte. Zu ihrem großen Erstaunen hat die Werkstatt die Sicherheitsgurte hinten, die Ursache des Geräusches, entfernt! Autos mit Gurten nachzurüsten hält Keiner für notwendig, obwohl es auch hier eine Anschnallpflicht gibt. Üblicherweise legt man den Gurt an, wenn eine Verkehrskontrolle ist.

Auch nur bei einer Verkehrskontrolle wird an Fußgängerüberwegen angehalten. Das war für mich auch eine erstaunliche Erfahrung, als ich noch kein Auto hatte und zu den lebensmüden Fußgängern in Bischkek zählte. Verkehrskontrollen sind nicht selten. Die Strafen für verkehrswidriges Verhalten belaufen sich meist auf 50 Som, das ist ein Euro. Eine Quittung dafür bekommt man jedoch nicht. Die Polizisten müssen ja auch von etwas leben.
Ich werde nie in den Genuss kommen, so wenig bezahlen zu dürfen, da ich mit meinem roten Autokennzeichen (Diplomatenstatus) nicht angehalten werde.

Auf denn – ich mische kräftig auf den Bischkeker Straßen mit! Jens meint ich fahre schon kirgisisch und hat Bedenken, dass es nach meiner Rückkehr nach Deutschland in Flensburg einen Aufschwung gibt.